HAWK stellt Studie zu Dörfern in Westfalen-Lippe bei Dorfforum vor

Erscheinungsdatum: 05.06.2026

Prof. Dr. Ulrich Harteisen und Dr. Swantje Eigner-Thiel von der HAWK Hochschule angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen haben beim Dorfforum „Dörfer in Westfalen-Lippe, Situationsanalyse.Resonanzen.Perspektiven“ die Ergebnisse ihrer Studie „Dörfer in Westfalen-Lippe – Bestandsaufnahme und Situationsanalyse“ vorgestellt. 

Die Forschungsgruppe Ländliche Räume und Dorfentwicklung aus Göttingen erarbeitete die quantitativ und qualitativ angelegte Untersuchung von 2022 bis 2025 im Auftrag der Geographischen Kommission für Westfalen; die LWL-Kulturstiftung und die Stiftung Sparkasse Münsterland Ost förderten das Projekt.

Im quantitativen Teil der Studie bewerteten gut drei Viertel der befragten Bürgermeister*innen die politische Interessenvertretung der Dörfer durch Ortsvorstehende und Bezirksausschussvorsitzende insgesamt als effizient. Gleichzeitig stellten die Forschenden fest, dass in immer mehr Dörfern keine Ortsvorstehenden mehr gefunden werden und damit eine Ansprechperson für Hauptamtliche fehlt. Die Studie hebt zudem die Bedeutung ehrenamtlichen Engagements hervor: Engagierte Gruppen erhöhten die Attraktivität der Dörfer als Wohnstandort und stärkten die lokale Identität.

Im qualitativen Teil befragte das Team Ehrenamtliche in den Dörfern. Ortsvorstehende beschrieben ihre Rolle als Anlaufstelle und Mittlerinnen zwischen Dorf und Kommune, als Vermittlerinnen zwischen Vereinen und häufig auch als „Klagemauer“ für Beschwerden. Der Ortsvorsteher von Hohenwepel, Daniel Strathaus, bestätigte diese Einschätzung und verwies auf die Gründung eines Ortsbeirats mit Vereinsvorständen und sachkundigen Bürger*innen als Basis der Dorfentwicklung.
Die Studie ordnet auch die Folgen der kommunalen Gebietsreform der 1970er Jahre ein: Damals habe sie massiven Widerstand ausgelöst, heute sehe man jedoch keine Notwendigkeit zur Rückkehr zur administrativen Eigenständigkeit, weil zentralisierte Verwaltungsstrukturen Arbeitsabläufe erleichterten.

Als zentral für das Dorfleben benennt die Studie Vereine. Sie ermöglichten Selbstwirksamkeit und stärkten die Demokratie. Bernhard Eder, hauptamtlicher Akteur der Katholischen Landvolkshochschule Hardehausen in Projekten der Dorfentwicklung, betonte zugleich, Dorfleben gehe über Vereinsleben hinaus: Klassische Vereine und traditionelle Feste sprächen nicht alle an, etwa Zugezogene. Eder verwies auf einen Trend zu themenübergreifenden Dorfvereinen und zu Offenen Treffs, die neue Zielgruppen erreichten und soziale Integration förderten.

Zunehmend verschwänden Einrichtungen der Nahversorgung aus den Dörfern, darunter Bank, Post, Backstube oder Metzgerei. Mit der Schließung von Dorfgaststätten gingen laut Studie zudem wichtige Treffpunkte verloren. Bürgermeister Johannes Schlütz aus Nieheim erklärte, die Kommunen im Kreis Höxter und ihre Bürgermeister*innen fühlten sich für alle Aspekte der Daseinsvorsorge verantwortlich, stießen aber finanziell und personell an Grenzen. Die Städte setzten deshalb Schwerpunkte, vor allem bei Bildung und Betreuung sowie bei Sicherheit und Katastrophenschutz.
Für Projekte der Dorfentwicklung spielen Fördermittel nach Einschätzung der Beteiligten eine wichtige Rolle. Die Anforderungen an Kofinanzierung und Vorfinanzierung stellten jedoch Hürden dar. Gleichzeitig nutzten Dörfer die Programme erfolgreich. Lia Potthast, LEADER-Regionalmanagerin im Kreis Höxter, verwies auf die Chance, mit Förderung Vorhaben umzusetzen, die sonst nicht möglich wären, und sprach sich für hauptamtliche Förderlotsen aus.

Die Studie verknüpft Lebensqualität in Dörfern besonders mit sozialen Faktoren wie Gemeinschaftserleben, Miteinander, Vereinsverbundenheit und Naturnähe. Kreisheimatpfleger Hans-Werner Gorzolka nannte darüber hinaus Infrastruktur und Versorgung, Wohnen und Umwelt, Arbeitswelt und Wirtschaft sowie die Zukunftsfähigkeit der Dörfer als entscheidend und formulierte als Vision „Dörfer als sorgende Gemeinschaften in einer progressiven Provinz“.

Heidrun Wuttke, Leiterin der Projekte Dorf.Zukunft.KI und Dorf.Zukunft.Digital des Kreises Höxter, skizzierte die Vorteile und den Nutzen für die Dörfer im Kreis Höxter bis 2028. Landrat Michael Stickeln bezeichnete die Erkenntnisse aus der Studie als „wertvollen Kompass“, um die Zukunft der Dörfer gezielter und fundierter zu gestalten.

Veranstalter und Teilnehmende bewerteten das Dorfforum positiv. Die Teilnehmenden hoben insbesondere die Fülle und Dichte an Informationen hervor, vor allem zu Fördermöglichkeiten. Die Katholische Landvolkshochschule Hardehausen, die HAWK, die Forschungsgruppe Ländliche Räume und Dorfentwicklung, der Kreis Höxter, der Westfälische Heimatbund und das Netzwerk „Land.macht.Zukunft“ werteten das Dorfforum als gelungenes Seminar für Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch.

Das Foto zeigt folgende Referent*innen v.l.n.r.: Hans-Werner Gorzolka, Kreisheimatpfleger; Lia Potthast, LEADER-Regionalmanagement Kreis Höxter; Prof. Dr. Ulrich Harteisen, HAWK; Bernhard Eder, Dozent, Kath. Landvolkshochschule Hardehausen; Heidrun Wuttke, Kreis Höxter; Dr. Swantje Eigner-Thiel, HAWK; Daniel Strathaus, Ortsvorsteher, Hohenwepel;  Michael Stickeln, Landrat Kreis Höxter.

Kontakt

Prof. Dr. Ulrich Harteisen
Professor für Regionalmanagement und regionale Geografie, Studiengangskoordinator Masterstudiengang Regionalmanagement und Wirtschaftsförderung, Mitglied des Direktoriums des Zukunftszentrums Holzminden-Höxter
  • +49/551/5032-170
  • Grisebachstraße 4A
    (Raum GÖL_110, Lehrwerkstatt)
    37077 Göttingen
Eigner-Thiel
Koordination Forschungsgruppe "Ländliche Räume und Dorfentwicklung"